Rezension 4, April 2015

Der Roman beginnt in einem so rasanten Sprachtempo dass der Eindruck entsteht, die Wörter laufen einer davon. Atemlosigkeit, Unruhe und Beklemmung breitet sich aus und schon ist man mitten im Geschehen. Vicky, extrovertiert, gefühlsmächtig, verrückt, lebensgierig, von Sozialhilfe abhängig, ist tot. Ein Unfall. Alma, introvertiert, gefühlsbeherrscht, tüchtig, aufstrebend, gut verdienend, glaubt nicht daran. Zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten und sich doch sehr ähnlich sind in ihrer Stärke, für eine Sache zu kämpfen und gleichzeitig Schmerzhaftes in sich einzukapseln. Vickys Tod aufzuklären bedeutet für Alma, sich ihrer beider Vergangenheit zu stellen, schmerzhafte Erinnerungen zuzulassen und den nach und nach auftauchenden Familiengeheimnissen nachzuspüren. Dabei beginnt ihr sorgsam aufgebautes Leben beruflich und privat zu bröckeln was ihr die Kraft zu tiefgreifenden Lebensentscheidungen gibt. „Alles ändert sich. Aber nichts geht verloren“.

Carrie le Seurs Debutroman ist eher ein Familienroman als ein Krimi, obwohl der Tod von Vicky zu Beginn in den Mittelpunkt gestellt wird. Der Roman ist vielsträngig aufgebaut, die Themen und Inhalte sind miteinander verknüpft und fein verwoben. Mit jedem Kapitel werden die Zusammenhänge klarer und die Stränge dichter. Damit wird die Spannung bis zum Schluss gehalten.  Ein Roman für ruhige Abende.

Carrie La Seur: Denn wir waren Schwestern. Roman. Aus dem Amerik. von Christel Dormagen und B. Heinrich. 344 Seiten, Insel Verlag, Berlin 2015,      EUR 10,30

Ulrike Retschitzegger

Ulrike Retschitzegger

Ehemalige Obfrau Verein KRIBIBI

Verein der kritischen Bibliothekarinnen und Bibliothekare

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