Rezension 2, Mai 2014

Raami ist sieben Jahre, als sie durch die Evakuierung der Hauptstadt Kambodschas  über Nacht aus ihrem wohlbehüteten Leben gerissen wird. Der Zusammenhalt ihrer Familie, die auch in schwierigsten Situationen der Vertreibung zueinander in Liebe verbunden ist, ermöglicht es Raami ihre ausgeprägte Fantasie einzusetzen, um Erlebtes zu verarbeiten und in ihr neues Leben zu integrieren. Diese Stärke schöpft sie aus der innigen Vertrautheit mit  ihrem Vater, seinen Gedichten und Geschichten, mit denen er ihr die Vergänglichkeit aber auch die Kraft des Lebens näher gebracht hatte. Mit jedem erzwungenen Ortswechsel werden die Lebensbedingungen härter und die Zahl der Überlebenden geringer – Raami und ihre Mutter überleben den Genozid und können aus Kambodscha flüchten.

Die Zartheit der Sprache und die hingetupften Worte, mit denen die Schönheit und Besonderheit der Natur beschrieben werden und dabei gleichzeitig die Grausamkeit und Gräueltaten, Hunger und Verzweiflung der Menschen klar hervortreten lassen, sind außergewöhnlich. Der Autorin ist es gelungen, ihr eigenes Leben in einen Roman einzubinden, der in sich wiederum eine Geschichte ist bei der es sich lohnt dahinter zu schauen und eigene Schlüsse daraus zu ziehen. Der Kunstgriff, ein siebenjähriges Mädchen eine Geschichte für Erwachsene erzählen zu lassen, bedingt, dass das kleine Kind Worte verwendet, die ihrem Alter nicht immer entsprechen. Dies ist beim Lesen manchmal irritierend, ändert aber nichts an der Faszination des Romans.

 

Vaddey Ratner: Im Schatten des Banyanbaums. Roman. Übersetzt  von Stefanie von Harrach. 381 Seiten, Unionsverlag, Zürich 2014 EUR 22,60 

 

Ulrike Reschitzegger

Ulrike Reschitzegger

Ehemalige Obfrau Verein KRIBIBI

Verein der kritischen Bibliothekarinnen und Bibliothekare

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