Wissenschaftliche Arbeit 12, Juni  2019

Die Reproduktion von Geschlechterstereotype in Sozialen Medien

 

Vor dem Spiegel, von vorne mit ausgestreckten Arm oder dem Selfie-Stick als künstliche Verlängerung im 45 Grad-Winkel von oben, um das gefürchtete Doppelkinn am Bild zu vermeiden. Der typische Kussmund der Frau, um die Weiblichkeit zu betonen bzw. die starken Muskeln des Mannes, um die Männlichkeit hervorzuheben.

Das typische Selbstportrait, besser bekannt unter dem Synonym „Selfie“. Im Urlaub, mit Freunden, beim Feiern, beim Essen oder einfach beim Entspannen, natürlich muss jeder Moment geteilt werden, so schnell wie möglich und mit so vielen Leuten wie möglich. Das Selfie ist tatsächlich das perfekte Symbol, um unsere Gegenwart, die Gesellschaft, in der wir leben, zu beschreiben. Innerhalb von ein paar Jahren konnte es sich als neue Form der Kommunikation etablieren, vor allem in den Sozialen Medien wie, Facebook, Instagram, Twitter und Co. nimmt die Selbstdarstellung anhand von Bildern eine zentrale Rolle ein. Das Phänomen des Selbstportraits ist nichts Neues.

Bereits im 19. Jhd. haben Fotografen via Spiegel Bilder von sich selbst gemacht. Oder später, wo man nach dem Drücken des Selbstauslösers noch ins Foto gehechtet ist.

Der Inhalt der Bilder hat sich jedoch geändert. Vor der digitalen Revolution wurden die Bilder zur eigenen Erinnerung gemacht, mittlerweile geht es um die eigene Präsentation im Netz. Es haben sich klare Rollenbilder zwischen Frauen und Männern etabliert, welche sich bei der eigenen Darstellung am Bild widerspiegeln. Eine unbewusste kollektive Vorstellung von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“, die vor allem seit der Einkehr des Fernsehens in die heimischen Wohnzimmer durch die zunehmende mediale Werbung an Bedeutung gewonnen hat. Interessant hierbei ist die reproduktive Stereotypisierung der Geschlechterrollen in sozialen Netzwerken.

 

Stereotypisierung – Definition

Stereotypen sind gesellschaftliche Konstrukte, Vorstellungen, Meinungen über beispielsweise Frauen bzw. Männer, verschiedene Bevölkerungsgruppen oder über alte bzw. junge Menschen.

In die Sozialwissenschaft wurde der Begriff „Stereotype“ durch Walter Lippmann (1922) eingeführt, der damit zum Ausdruck bringen wollte, dass solche Meinungen über Gruppen schablonenhaft sind und im Einzelfall wenig aussagekräftig. Stereotypen sind nicht per se problematisch, sondern dienen der kognitiven Effizienz. Werkzeuge dieser Selektion und Reduktion sind kognitive Strukturen wie Kategorien oder Schemata, die vorhandenes Wissen organisieren und eine Basis für die Verarbeitung weiterer Informationen bereitstellen. Bei Kategorien werden Eigenschaften eines Objektes in Verbindung gebracht. Zum Beispiel, kann man einen Baum, anhand bestimmter Merkmale (Laub, Krone, Stamm) erkennen. Bei Schemata handelt es sich um Meinungen und Erwartungen, deren Attribute für bestimmte Begriffe oder Kategorien typisch sind. Stereotypen funktionieren im Prinzip wie Schemata. Allerdings beziehen sie sich auf die soziale Welt, also auf Personen oder Personengruppen und deren äußerliche Merkmale (Kleidung, Hautfarbe), Persönlichkeitseigenschaften (geizig, intelligent, religiös) sowie bestimmte Verhaltensweisen. Diese gesellschaftlichen Konstrukte werden sozialisiert, d.h. als Elemente des Weltwissens über Literatur, Kunst, Schulen, Eltern, Freunde und Medien vermittelt und beeinflussen somit unsere stereotype Vorstellung über Andere.(vgl.Schielicke/Odermann,2014:111-112)

Stereotypisierung der Geschlechter

Als Stereotypisierung der Geschlechter wird die kollektive Vorstellung der charakteristischen Merkmale von Frauen und Männer verstanden. Diese Prozesse der Sozialisierung und damit auch Stereotypisierung von den sozial geteilten Verhaltenserwartungen, die sich auf Individuen aufgrund ihres sozial zugeschriebenen Geschlechts richten, geschehen automatisch durch soziale Interaktion bzw. Beziehungen. Ein Lernprozess der früh in der Kindheit erworben wird und sich bis in Erwachsenenalter fortsetzt und sich reproduziert. Bei Forschungen zu den Inhalten von Geschlechterstereotypen werden Frauen häufiger mit der Rolle der Hausfrau und Mutter in Verbindung gebracht, so werden ihnen in stärkerem Maße communality Eigenschaften wie zum Beispiel Warmherzigkeit, Emotionalität und Fürsorge zugeschrieben. Während Männern zum Beispiel häufiger in der Rolle des Berufstätigen wahrgenommen werden und somit vermehrt agency Eigenschaften wie Kompetenz, Unabhängigkeit und Durchsetzungsfähigkeit zugesprochen werden. Sie beeinflussen daher nicht nur die Wahrnehmung, Beurteilung und Bewertung anderer Menschen, sondern nehmen auch Einfluss auf Form und Verlauf zwischenmenschlicher Interaktionen, sowie der Selbstdarstellung von Individuen in der Gesellschaft. (vgl.Eckes,2008:171-181)

Fazit

Stereotypen sind also gesellschaftliche Konstrukte, welche sich durch die Sozialisation immer wieder neu reproduzieren und in der Gesellschaft zusätzlich durch Institutionen und Normen manifestiert werden. Im nächsten Kapitel möchte ich die Geschlechterspezifische Darstellung in den Medien näher beleuchten, mit dem Schwerpunkt auf die Geschlechterstereotypen in den Sozialen Medien.

Geschlechterrollen in den Medien

Darstellung der Geschlechter

Das Frauen und Männern in den Medien unterschiedlich dargestellt werden, ist nicht neu. Seit mehr als einem halben Jahrhundert untersuchen WissenschaftlerInnen die Darstellungsweise von Geschlechterrollen in den Medien. Vor allem in der Werbung werden diese Stereotypen herangezogen.

Bereits eine Studie von Archer, Kimes und Barrios im Jahr 1978 belegte erstmalig, einen geschlechtsspezifischen Unterschied bei der weiblichen und männlichen Darstellung in Zeitschriften, Kunstwerken, Fotografien und Amateurzeichnungen, den sie als Face-ism-Phänomen bezeichneten, um diesen Geschlechterunterschied hinsichtlich der Betonung bzw. Nicht-Betonung des Gesichts zu beschreiben.

Die Abbildungen von Frauen beinhalten mehr Körperanteil und Abbildungen von Männern fokussieren mehr Kopf bzw. Gesicht. Dabei entsteht der Face-ism-Effekt, wodurch Frauen weniger sichtbar erscheinen und die Qualitäten der Frau wie Attraktivität, Warmherzigkeit sowie deren Körperbau vorwiegend mit der Abbildung des Körpers assoziiert werden, während bei Männern der Fokus mehr auf den Kopf bzw. Gesicht gerichtet ist, welcher für Intellekt und Persönlichkeit steht und somit die geschlechtsstereotypen Statusunterschiede forciert. (vgl. Szillis,2007:14-29)

Großen Einfluss auf unsere Vorstellung von der Rolle der „Frau“ und des „Mannes“ liefern uns die Massenmedien. Insbesondere populäre TV-Sendungen, wie etwa die Castingshow Germany´s Next Topmodel, bedienen sich der geschlechtsspezifischen Bereiche der Werbemaschinerie. Sie bieten dabei Anschauungsmaterial für vermeintlich „typisch“ männliche und weibliche Eigenschaften. Besonders realitätsnahe Darstellungen können den Eindruck verstärken, die dargestellten Stereotypen entsprächen tatsächlich der Wirklichkeit.

Das „weibliche Geschlecht“ wird entweder als unterwürfig-naiv und emotional von Männern abhängig präsentiert, oder als selbstbewusste, berechnende Frau, die ihre körperlichen Reize nutzt, um Männer an sich zu binden. Männliche Stereotypen sind dagegen autoritäre Machos bzw. Womenizer und werden in der Werbung vor allem über Sportlichkeit vermittelt, die souveräne und rationale Selbstbeherrschung demonstrieren.

Eine Studie von Maier und Grittmann (2013) zeigt, dass eine ungleichwertige Darstellung der Geschlechter nicht nur in der Werbung stattfindet, sondern auch in Berichterstattungen über Frauen in Führungspositionen. Dabei werden weibliche Führungspositionen seltener als eigenständige und unabhängige Persönlichkeiten gezeigt, sondern das private Umfeld wie Ehe und Familie spielen im Unterschied zu den männlichen Führungspositionen eine wichtigere Rolle.(vgl.klicksafe.de.Mediale Frauen und Männerbilder)

Soziale Medien

Oft und mittlerweile weit verbreiteter Begriffe sind Soziale Medien oder auch soziale Netzwerke. Die Bedeutung der Begriffe unterscheiden sich in Wahrheit nicht voneinander. Es handelt sich um Online-Netzwerke wie z.B. Instagram, Facebook, Twitter und Co, bei denen die Benutzer durch sog. „Anfragen“ in unterschiedlichen Beziehungsverhältnissen wie Freundschafts- oder Liebesbeziehung bis hin zum Arbeitsverhältnis miteinander in Verbindung stehen. Es sind sozusagen virtuelle Gemeinschaften, wo sich Menschen über Hobbies, gemeinsame Interessen und Vieles mehr austauschen. Für viele Menschen gehören diese Plattformen mittlerweile zur alltäglichen Lebenswelt. Sie dienen der Kommunikation und Orientierung, aber auch zur Selbstdarstellung und zum Abgleichen des Selbst- und Fremdbildes.

Faszinierend ist, dass sie unabhängig von kulturellen Unterschieden wie Alter, Geschlecht, Habitus etc. genutzt werden. Jeder Nutzer hat sein eigenes Profil mit persönlichen Angaben und Bildern. Soziale Netzwerke funktionieren also über die Selbstdarstellung der Nutzer, sowie über die Vernetzung von Freunden durch die Freundeslisten. So gelangen z.B. Neuigkeiten von A über B zu C.(vgl.klicksafe.de.Was sind soziale Netzwerke) Die meisten Akteure präsentieren sich von der Schokoladenseite, im Urlaub oder im Feinschmeckerrestaurant und somit entsteht sehr schnell das Bild des idealen Lebens. Eine virtuelle Scheinwelt.

Reproduktion der Geschlechterrollen in den Soziale Medien

„Passe ich mich an vorgegebene Rollenbilder an?“ – lautet die erste Frage eines Artikels über die Nachahmung in sozialen Netzwerken. Analysen zeigen dabei, dass sich Jugendliche bei ihrer Selbstinszenierung in sozialen Netzwerken an den Geschlechterstereotypen der Massenmedien orientieren und diese zum Vorbild nehmen. Eigenschaften der männlichen Profilbilder dominieren mit Stärke, Dominanz, Macht und Distanziertheit, welche durch teilweise nackten Oberkörper oder angespannte Arm-, Brust- oder Bauchmuskeln versinnbildlicht werden, welches in hohem Maße dem massenmedialen Männlichkeitsbild entspricht.

Die weibliche Inszenierung hingegen betont stark die Eigenschaften von Schwäche, Gefühlsbetontheit und Schutzbedürftigkeit, die durch entsprechende Körperhaltungen und Posen ausgedrückt werden. Sie stellen sich als attraktiv und affiliativ (d.h. den Wunsch nach Kontaktaufnahme signalisierend) dar. Hierbei werden keine selbstentwickelten Rollen gelebt, sondern es findet eine Orientierung an stereotypen Vorbildern klassischer Geschlechterordnung statt. (vgl.klicksafe.de.Mediale Frauen und Männerbilder)

Pierre Bourdieu führt die wesentliche Rolle des Körpers besonders in der Theorie des Habitus aus, in welchem die gesellschaftlichen Strukturen in den Körper eingeschrieben sind und diese Strukturen werden wiederum von den Individuen reproduziert. Es dient einerseits zur Abgrenzung zu anderen sozialen Feldern und andererseits wird hiermit die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe forciert. (vgl.Knoll/Fitz/Posch/Sattlegger,2013:26) Durch diese Inkorporation von gesellschaftlichen und kulturspezifischen Denk- und Verhaltensstrukturen schlüpfen wir unbewusst in die Rolle die uns vorgegeben wird und reproduzieren dadurch die Geschlechterstereotypen immer wieder aufs neue.

Fazit

Wie oben beschrieben werden die typischen Geschlechterrollen von den Menschen selbst gelebt, reproduziert und spiegeln sich in der Selbstdarstellung der Sozialen Medien wider. Starke Orientierung bietet dafür die Werbeindustrie, welche stark mit Stereotypisierung spielt. Im letzten Kapitel möchte ich nochmals kurz die Arbeit Revue passieren lassen und meine eigene Gedanken festhalten.

Schlusswort und Vision

Zusammenfassend zeigen verschieden Untersuchungen eine klare Reproduktion der Geschlechterstereotypen in den sozialen Medien. Frühere Studien konnten bereits vor dem digitalen Zeitalter geschlechterspezifische Unterschiede bei der Darstellung von Frauen und Männern belegen, wie z.B. der Face-ism Effekt. Durch diese gesellschaftliche Prägung der Geschlechterrollen haben wir gewisse Vorstellungen und Erwartungen an eine Frau bzw. einen Mann, was das Aussehen, Verhalten und die Darstellung betrifft. Sobald jemand nicht dieser Norm entspricht, wird dies als abnormal empfunden und als Resultat schließlich gesellschaftlich ausgegrenzt. Dies wiederum führt schlussendlich zu einer Reduktion der Vielfalt an Lebensstilen in unserer Gesellschaft.

Schemata sind wie Instinkte und helfen uns Situationen und Personen einzuordnen und zu bewerten. Wichtig hierbei ist, sich diesen sozialisierten Vorstellungen und Erwartungen bewusst zu sein, nur dann kann ein Aufbrechen von stereotypischen Denkmustern erfolgen. Der eigenen Sozialisation Herr/Frau zu sein, über den Tellerrand hinausblicken und bereit sein für neues.

Quellenangabe

ECKES, Thomas.2008.Geschlechtsstereotype: Von Rollen, Identitäten und Vorurteilen.In: Ruth Becker/Beate Kortendiek (Hg.).2008.Handbuch Frauen und Geschlechterforschung.Wiesbaden:VS Verlag für Sozialwissenschaften,171-181

KLICKSAFE.de.Mediale Frauen und Männerbilder. In:Die EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz.Verfügbar unter: https://www.klicksafe.de/themen/medienethik/mediale-frauen-undmaennerbilder/bedeutung-rollenstereotyper-darstellungen/.17.05.2019,14:47

KLICKSAFE.de. Was sind soziale Netzwerke.In:Die EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz.Verfügbar unter: https://www.klicksafe.de/themen/kommunizieren/soziale-netzwerke/was-sindsoziale-netzwerke/.26.05.2019,10:09

KNOLL, Bente/Bernadette Fitz/Patrick Posch/Lukas Sattlegger.2013. Ich im Netz: Selbstdarstellung von weiblichen und männlichen Jugendlichen in sozialen Netzwerken.Wien: Büro für nachhaltige Kompetenz GmbH, 26

SCHIELICKE, Anna-Maria/Antje Odermann.2014.Stereotypsierung durch DIE Medien. In: Weiterdenken – Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen, KulturbüroSachsen e.V. und Antidiskriminierungsbüro Sachsen, (Hg.).2014. Alles im weißen Bereich? Institutioneller Rassismus in Sachsen. Erweiterter Tagungsband in der Reihe Demokratie.Sachsen:creative-commonslizenz, 111-112

SZILLIS, Ursula.2007.Untersuchung der zugrunde liegenden Prozesse des Face-ism Effekts und des Face-ism Phänomens. Dissertation Universität Mannheim,14-29

Katrin Weißenbacher

Katrin Weißenbacher

www.KAM-Art.org

Studium der Politikwissenschaften, Wien

Freischaffende Fotografin – www.KAM-art.org

Share This