Rezension

Durch ihre eindringliche Warnung vor einer „Rhetorik der Extreme“ als Videobotschaft, in der sie im Bundespräsidentenwahlkampf 2016 die Jugend zum „vernünftigen Wählen“  aufforderte, wurde Gertrude Pressburger einer großen Öffentlichkeit bekannt. „Das Niedrigste wird aus den Leuten herausgeholt, nicht das Anständige“, so ihre Mahnung. Jahrzehntelang hat sie über ihre Vergangenheit geschwiegen und „wie einen Stein in der Brust“ in sich getragen. Sie konnte und wollte nicht erzählen. Dass sie mit ihrer Botschaft Gehör gefunden hatte gab ihr die Kraft, erstmals mit Unterstützung der Journalistin Marlene Groihofer ihre Geschichte festzuhalten – „Ich bin nicht zurückgekommen, um dasselbe noch einmal zu erleben“.

Gertrude Pressburgers Geschichte spannt sich wie ein Bogen von ihrer Geburt 1927 bis heute. Sehr eindrucksvoll schildert sie das Aufwachsen in einer jüdischen, aber katholisch getauften Familie in Wien, ihre Liebe für die Eltern und die beiden Brüder, beschreibt die aufsteigenden Ängste und Erlebnisse in den 30er Jahren und die vielen Jahre der Flucht, die im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau endete. Sie überlebte als einzige der Familie den Holocaust und kehrte nach einer Zwischenzeit in Schweden nach Wien zurück. Es gibt Plätze in Wien, die sie bis heute nicht mehr betreten kann. 

Frau Pressburgers Sprache bleibt auch bei den schwierigsten Erinnerungen immer klar, direkt und feinfühlig, auch, um auftauchende Bilder, Gefühle und Verzweiflung zurückhalten zu können. Der jungen Journalistin ist es gelungen, die aufgezeichneten Erzählungen einfühlsam als Autobiografie zu verfassen. Ein sehr persönliches Buch, das von Beginn an fesselt, aufwühlt und viel Nachgedanken hinterlässt.   

„Schonungslos zeigt Gertrud Pressburger die unverändert starke Nazifizierung der Gesellschaft und bietet eine Gegenfolie zum erneut erstarkenden Wiederaufbaumythos und der Metapher von Leopold Figls <Österreich ist frei>“ – so das eindrucksvolle Nachwort von Oliver Rathkolb.

Gertrude Pressburger: Gelebt, Erlebt, Überlebt. Aufgezeichnet von Marlene Groihofer. Mit einem Nachwort von Oliver Rathkolb. Paul Zsolnay Verlag, 2018

ISBN 978-3-552-05890-3

 

Ulrike Retschitzegger

Ulrike Retschitzegger

ehemalige Obfrau Verein KRIBIBI

Verein der kritischen Bibliothekarinnen und Bibliothekare

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